St. Georg in Oberzell (ca. 900 n.Chr.)
Gleich nachdem man den zur Insel Reichenau führenden Fahrdamm verlassen hat, sieht man bereits die erste der drei Kirchen, die die kulturhistorische Bedeutung der Insel begründen:
Auf einem kleinen Hügel inmitten von Gemüsefeldern steht massiv und schlicht die über 1100 Jahre alte ehemalige Stiftskirche St. Georg am Ortseingang von Oberzell.
St. Georg ist ein Kulturdenkmal von hoher Bedeutung:
- die dreischiffige Säulenbasilika ist ein herausragendes Beispiel spätkarolingischer Baukunst vom Ende des 9. Jahrhunderts,
- der einzigartige Wandmalereizyklus mit Wunderszenen aus dem Leben Christi gilt als Hauptzeugnis der weltberühmten Malerei des Klosters Reichenau während des 10./11. Jahrhunderts Malereien wegen seiner Vollständigkeit auch zu einem der größten Kunstwerke mittelalterlicher Kunst.
Geschichte
Das genaue Gründungsdatum der Kirche ist unbekannt. Neuere Forschungen legen jedoch nahe, dass St. Georg unter dem Mainzer Erzbischof und Reichenauer Abt Hatto (888-913) zwischen 890-896 errichtet wurde. Hatto gehörte zu den bedeutendsten Kirchenfürsten im ostfränkischen Reich.
Zu seiner Zeit spielten Verehrung und Reliquien Georgs eine bedeutsame Rolle. Hatto erhielt 896 in Rom von Papst Formosus einige Georgsreliquien. Das Kloster Reichenau, dessen Leitung Hatto besaß, erhielt ein Stück vom Haupt des Märtyrers. Vermutlich noch im gleichen Jahr, spätestens jedoch 899 wurde die Georgsreliquie in der neu erbauten Kirche niedergelegt. Da die Reliquie in der mittelalterlichen Glaubensvorstellung ein äußerst wertvoller sakraler Gegenstand war, fiel der Kirchenbau entsprechend prunkvoll und repräsentativ aus.
Dieser erste Kirchenbau umfasste das heutige Langhaus mit seinen Säulenreihen und die Krypta. Um 1000 wurde an der Westseite des Langhauses eine gerundete Apsis angefügt, die Vorhalle entstand um 1100. Die Vierung (d.h. der Raum, wo Haupt- und Querschiff zusammentreffen) wurde im 15. Jahrhundert mit einem gotischen Gewölbe versehen – eines der ganz wenigen nicht romanischen Bauelemente der St. Georgskirche.
Die weltberühmten ottonischen Wandmalereien
Die monumentalen Wandmalereien im Langhaus der Georgskirche an den Längsseiten sowie an der Nord- und der Südwand entstammen nach heutigen Erkenntnissen aus der Zeit um das Jahr 1000. Sie wurden erst 1880 im Rahmen von konservatorischen Maßnahmen entdeckt.
Nord- und Südwand zeigen acht Szenen mit neun Wundertaten aus dem Leben Jesu. Jedes Bild besitzt eine lateinische Tafel („ Titulus“), deren Text die dargestellte Szene zusammenfasst. Die Malereien sind eines der wenigen Beispiele einer vollständigen Kirchenschiffausmalung.
Auch beachtenswert ist die Darstellung des Jüngsten Gerichtes in der Vorhalle (um 1200).
Kurioses ist an der Nordwand des Langhauses bei den Altarstufen zu entdecken:
Dort befindet sich ein seltenes Spottbild aus dem 14. Jahrhundert. Auf einer Kuhhaut, die vier Teufel halten, wird das Geschwätz der „tumben wibun“, der törichten Frauen, kritisiert:
„Ich will hier von den dummen Weibern schreiben; was hier an Blabla die ganze Woche geredet wird, dessen wird gedacht werden, wenn es einmal vor dem Richter steht.“
Das geht sprichwörtlich auf keine Kuhhaut.
Von 1982-1990 wurden alle Raumteile der Kirche und die Wandmalereien unter der Leitung des Landesdenkmalamt Baden-Württemberg restauriert.
Kirchenführung von Mai bis September: jeden Dienstag um 17 Uhr